Sprache im Arztgespräch: Nuancen sind entscheidend
Aktualisiert: 31. Aug.
Ein Ärzt/-innen-Patient/-innen-Gespräch folgt häufig einer wiederkehrenden Struktur: Auf die Eröffnung und die Schilderung des Problems folgen Anamnese und Untersuchung, Diagnose, Behandlungsempfehlung und schliesslich der Abschluss der Konsultation. Besonders für die hausärztliche Praxis hat die Konversationsforschung detailliert untersucht, wie Ärzt/-innen und Patient/-innen diese einzelnen Gesprächsphasen gemeinsam gestalten. Mit diesem Forschungsfeld beschäftigt sich auch Céline Emch, neue redaktionelle Assistenz bei Felber Advisory, im Rahmen ihres Masterstudiums in Sprachwissenschaften. In diesem Beitrag stellt sie zwei Erkenntnisse daraus genauer vor.
Dabei zeigt sich: In scheinbar alltäglichen Formulierungen steckt oft mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Eine Frage erhebt nicht nur Informationen, sondern kann zugleich zeigen, was die Ärztin oder der Arzt bereits weiss und welche Antwort erwartet wird. Eine Behandlungsempfehlung vermittelt nicht nur, was medizinisch getan werden könnte, sondern positioniert Ärzt/-innen und Patient/-innen auch unterschiedlich im Entscheidungsprozess. Sprache gibt damit etwas über die eigene Position preis und schafft zugleich bestimmte Möglichkeiten dafür, wie das Gegenüber reagieren kann.
Zwei Beispiele aus unterschiedlichen Phasen einer Konsultation zeigen, wie sich solche feinen Unterschiede im Gespräch bemerkbar machen.
«Was kann ich heute für Sie tun?»
Fragen dienen in einer Konsultation nicht bloss dazu, fehlende Informationen abzurufen. Mit ihrer Formulierung zeigen Ärzt/-innen gleichzeitig, was sie bereits wissen, wie sie den Anlass des Besuchs verstehen und welche Art von Antwort sie erwarten. Damit gestalten sie auch mit, wie Patient/-innen ihr Anliegen präsentieren.
Vergleichen wir:
«Was kann ich heute für Sie tun?»
«Wie geht es Ihnen inzwischen mit den Knieschmerzen?»
«Gibt es seit dem letzten Termin etwas Neues?»
Die erste Frage behandelt das Anliegen als noch unbekannt und eignet sich entsprechend gut für eine neue Beschwerde. Die zweite knüpft dagegen an ein bereits bekanntes Problem an und lädt zu einem Bericht über dessen Entwicklung ein. Die dritte kann bei einer Routinekontrolle Raum für neue Anliegen schaffen, ohne den bekannten Anlass des Termins auszublenden. Mit der Frage wird also immer auch ein bestimmter gemeinsamer Wissensstand vorausgesetzt.
Das kann durchaus relevant dafür sein, wie Ärzt/-innen wahrgenommen werden. Wird bei einer vereinbarten Verlaufskontrolle gefragt «Was kann ich heute für Sie tun?», obwohl der Anlass bereits bekannt ist, kann dies den Eindruck erwecken, die Vorgeschichte sei nicht präsent. Eine spezifischere Verlaufsfrage kann dagegen signalisieren: Ich weiss, weshalb Sie hier sind, und knüpfe an unser letztes Gespräch an. In Konsultationen reagieren Patient/-innen auf unpassende Fragen teilweise sogar mit Verzögerungen oder Korrekturen und stellen selbst klar, dass es sich beispielsweise um eine Nachkontrolle handelt.
Die Schlussfolgerung lautet deshalb nicht, dass Ärzt/-innen möglichst viele offene Fragen stellen sollten. Entscheidend ist vielmehr, ob die Frage zum Besuchsanlass, zum jeweiligen Moment des Gesprächs und zum bereits geteilten Wissen passt.
«Ich verschreibe Ihnen…» oder «Wir könnten…»?
Spätestens bei der Behandlung wird die Verteilung von Entscheidungsmöglichkeiten besonders sichtbar. Vergleichen wir:
«Ich verschreibe Ihnen Medikament X.»«Sie könnten Medikament X ausprobieren.»«Wir könnten es mit Medikament X versuchen.»
Die medizinische Option ist in allen drei Fällen dieselbe. Interaktional geschieht jedoch nicht dasselbe. Die Gesprächsforschung unterscheidet hier zwischen pronouncement, suggestion und proposal: Mit «Ich verschreibe Ihnen …» wird die Behandlung weitgehend als entschieden präsentiert. Die Empfehlung wird aus einer Position medizinischer Autorität heraus formuliert und lässt sprachlich vergleichsweise wenig Entscheidungsspielraum erkennen. «Sie könnten …» stellt sie als Option dar und überlässt die Entscheidung stärker der Patientin oder dem Patienten. «Wir könnten …» wiederum präsentiert sie als gemeinsam zu treffende Entscheidung. Das «wir» ist hier also nicht bloss eine höflichere Formulierung: Die Empfehlung wird als Vorschlag präsentiert, der die Beteiligung des Gegenübers an der Entscheidung relevant macht.
Damit wird konkret sichtbar, was unter Shared Decision-Making häufig abstrakt bleibt: Wer eine Behandlung initiiert, wer als entscheidende Person positioniert wird und wie viel Optionalität eine Empfehlung vermittelt, kann bereits in ihrer sprachlichen Gestaltung angelegt sein.
Das bedeutet jedoch nicht, dass «Wir könnten …» grundsätzlich besser ist als «Ich verschreibe Ihnen …». Die verschiedenen Formate treten in unterschiedlichen medizinischen Kontexten auf: Pronouncements finden sich beispielsweise häufiger bei akuten Erkrankungen und verschreibungspflichtigen Medikamenten, während proposals häufig mit diagnostischer oder therapeutischer Unsicherheit verbunden sind. Die Gesprächsanalyse liefert deshalb weniger Regeln dafür, welche Formulierung «richtig» ist. Sie macht vielmehr sichtbar, welche Position Ärzt/-innen und Patient/-innen durch unterschiedliche Formulierungen im Entscheidungsprozess erhalten.
Keine Zauberformel für das perfekte Arztgespräch
Was können Ärzt/-innen daraus für ihren Alltag mitnehmen?
Vielleicht zunächst, dass Kommunikation nicht erst dort beginnt, wo eine Diagnose erklärt oder ein schwieriges Gespräch geführt wird. Sie ist Bestandteil des medizinischen Handelns selbst. Sie steckt bereits in der ersten Frage einer Konsultation, in einem kurzen Kommentar während der Untersuchung oder in der Formulierung einer Behandlungsempfehlung.
Die Konversationsanalyse bietet dabei keine Zauberformel für das perfekte Ärzt/-innen-Patient/-innen-Gespräch. Ein offenes Frageformat ist nicht in jeder Situation das beste und ein «wir» macht eine Entscheidung nicht automatisch partizipativ. Sie lädt vielmehr dazu ein, genauer hinzuhören: Was ermöglicht meine Formulierung dem Gegenüber als Nächstes zu tun?
Denn manchmal kann ein Unterschied von wenigen Worten darüber mitentscheiden, ob Patient/-innen erzählen, nachfragen, widersprechen oder zustimmen.



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